20.09.11

Empfehlungen zum Schulanfang


Liebe Partner, Kollegen und Eltern,

das Lernserver-Team wünscht Ihnen zunächst schöne verbleibende Sommertage und einen erfolgreichen, möglichst stressarmen Beginn des neuen Schuljahres oder – falls es noch auf Sie zutrifft – weiterhin entspannende Ferien! Auf Grundlage von zwei Interviews mit Professor Schönweiss (mit >>"Dein SPIEGEL“ sowie der >>„Münsterschen Zeitung“) haben wir Ihnen ein paar Tipps zum Erhalt der kindlichen Neugier am Lernen sowie zum konstruktiven Umgang mit den virtuellen Welten zusammengestellt:

Was müssen Eltern von Erstklässlern beachten, die vielleicht noch verspielt sind?

Kinder werden heute besser auf die Schule vorbereitet als es früher noch der Fall war. Gleichwohl stellt der Schuleintritt für die Kinder eine Zäsur dar, die es erst einmal zu bewältigen gilt. Sich allmählich für systematisches Lernen zu interessieren, Dinge verstehen zu wollen, dafür seine Aufmerksamkeit zu bündeln und eigene, inhaltliche Interessen zu entwickeln und auszubauen - das ist für den kleinen Schulanfänger durchaus eine Herausforderung. Allen Kindern tut es gut, wenn ihnen die Eltern dabei zur Seite stehen.

Und wenn es Probleme gibt?

Unbedingt sollten Eltern alle Signale ernst nehmen, die darauf hindeuten, dass sich Kinder überfordert fühlen. Gerade wenn sich die ursprüngliche Freude auf Schule und Lernen mehr und mehr verflüchtigt, sollte man gemeinsam mit den Lehrern nach den Ursachen forschen. Zum Glück werden heutzutage Eltern nicht mehr so häufig mit dem Spruch abgespeist: „Das wächst sich schon noch aus!“. Denn je früher man den Kindern dabei hilft, Verständnisprobleme aufzuarbeiten, desto harmonischer und erfolgreicher kann die Schulkarriere verlaufen. Eltern sollten gerade in den ersten Klassen ein Gespür dafür entwickeln, ob ihre Kinder fehlendes Verständnis durch Auswendiglernen zu kompensieren versuchen - eine Strategie, die viel kaschiert, aber nicht lange greift.

Wie kann die Förderung aussehen?

Eltern sollten ihre Kinder grundsätzlich dazu animieren, sich die Welt zu erschließen, die Lust an Neuem und am selbständigen Durchdringen von Problemen zu entdecken. Spannende Lese- und Sachbücher gibt es zuhauf. Gerade hinsichtlich der Kernfächer sollte darauf geachtet werden, dass die Neugier nicht verlorengeht: Wieso z.B. kann ich zwei verschiedene Zahlen zusammenzählen? Was also haben sie gemeinsam? Oder warum wird „kommen“ mit doppeltem Konsonanten geschrieben wird und „Mode“ nur mit einem „d“ Solche Erklärungen kann man nicht immer selbst entdecken, aber man kann ihnen gemeinsam auf die Spur kommen.

Wie sollte man mit Fehlern umgehen?

Fehler gehören nun einmal dazu. Kein Mensch hat die Schriftsprache erlernt, ohne sich dabei eine ganze Menge an Fehlern geleistet zu haben. Dies wird leider oft vergessen. Um aber die Freude an Schule und der eigenen Bildung zu bewahren, halte ich den Umgang mit Fehlern für entscheidend. Wir brauchen hier einen Perspektivenwechsel, bei dem man Fehler nicht stigmatisiert, sondern an die Stelle von Fehlervermeidung das gemeinsame Lernen aus ihnen setzt. Dies geht freilich nur, wenn die Fehler auch vernünftig analysiert werden und man sie als Informationsquelle nutzt. Also wenn man aus ihnen zu lesen vermag, was die Kinder bereits wissen und was sie noch nicht können. Da dies keine leichte Aufgabe ist, aber entscheidend für die gesamte Bildungsbiographie, haben wir den Lernserver der Uni Münster entwickelt, mit dem wir Lehrern und Eltern dabei behilflich sind, frühzeitig Kindern haargenau die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie brauchen.

Wenn Sitzenbleiber in eine neue Klasse kommen, was können Eltern für ihre Eingliederung und Motivation tun?

Ich halte es eigentlich für ein Armutszeugnis unseres Schulsystems, dass das Sitzenbleiben immer noch nicht abgeschafft ist. In aller Regel bringt es niemandem etwas, schon gar nicht den Kindern, wenn sie sich das, was sie nicht verstanden haben, nochmals antun müssen. Eltern sollten deshalb darauf achten, dass diese Ehrenrunde komplett anders genutzt wird als im vorhergehenden Jahr, dass also gemeinsam mit den Lehrern ein konkreter, individueller Förderplan aufgestellt wird, der den Kindern dabei hilft, wieder den Anschluss zu finden. Vor allem aber sollte man die Kinder nicht mit den Risiken von Stigmatisierung und Beeinträchtigung des Selbstbewusstseins allein lassen, die mit dem Sitzenbleiben verbunden sind.

Und wie?

Die meisten Kinder neigen leider dazu, sich über den Schulerfolg zu definieren. Dabei wäre es wichtig, dass sie das schulische Angebot für sich nutzen, um sich als Persönlichkeiten weiterzubringen. Sie sollen also nicht nur lernen, weil es auf dem Stundenplan steht, sondern weil sie selbst mehr wissen und können wollen. Schlechte Noten sollten also als Indiz dafür genommen werden, dass man schleunigst sich um die Verständnislücken im betreffenden Fach zu kümmern hat. Womit wir wieder bei einer vernünftigen Fehleranalyse wären.

Sollten Eltern gute Noten belohnen?

Zuckerbrot und Peitsche? Natürlich soll und darf man sich mit seinen Kindern darüber freuen, wenn sich die Anstrengung auch in den Noten niederschlägt. Aber die Befriedigung darüber, ein Problem durchschaut und eine Aufgabe gelöst zu haben, ist das eigentlich Entscheidende; diese sachbezogene Motivation sollte nicht unterschätzt werden. Ganz abgesehen davon, dass Noten ein schlechtes Mittel zur Stärkung von Selbstbewusstsein sind: es gibt nämlich keine gerechten Noten. Sie hängen vom Lehrer ab ebenso wie vom Klassenschnitt oder der eigenen Tagesform.

Und wie sollten Kinder den Computer nutzen?

Neugierde und eigene Interessen zu verfolgen - dafür sind Computer und Internet durchaus mächtige Instrumente. Eltern sollten aber ein Auge auf die konkrete Handhabung haben. Dies gilt sowohl für die Inhalte, aber auch dafür, dass sich die Kinder nicht darin verlieren und ihre Lebenszeit vergeuden. Kinder sollten die virtuelle Welt als Bereicherung des wirklichen Lebens nutzen und nicht umgekehrt. Leider aber müssen wir feststellen, dass die Flucht in die virtuellen Welten umso vehementer betrieben wird, je weniger man mit dem echten Leben zufrieden ist. Dass man auf diese Weise lauter Eigentore schießt, ist nicht so leicht zu durchschauen, übrigens auch nicht von den Großen.
Die Medien sind längst zum festen Bestandteil der heutigen kindlichen Entwicklung geworden. Und es spricht überhaupt nichts dagegen, dass Kinder einen Bereich für sich reklamieren, in dem sie Neues entdecken, sich aber auch einmal frei und selbstvergessen bewegen können. Entscheidend ist freilich, wie bei allem, womit die Kinder ihre Zeit vertreiben und wie viel Zeit ihres echten Lebens sie der virtuellen Ebene schenken. Eltern sind deshalb durchaus gefordert, und sie sollten sich immer wieder von ihren Kindern zeigen lassen, wovon genau sie sich fesseln lassen. Auch wenn Eltern Gefahr laufen, erst einmal zum Spielverderber zu werden, sollten sie dann, wenn sie ein Unbehagen verspüren, dieses ernst nehmen und sich bemühen, ihre Vorbehalte den Kindern nachvollziehbar zu machen. Auch wäre es einen Versuch wert, den Kindern zu vermitteln, dass Spiele schnell zu Zeitdieben werden und sich der vermeintliche Spielspaß zu weiten Teilen daraus speist, sich selbst auf ein Anhängsel irgendwelcher Spieleentwickler-Vorgaben zu reduzieren.


Gibt es Faustregeln für den Umgang mit dem Netz und die Kompromisse mit den Eltern? Zwei Stunden Computer unter der Woche, mehr nicht? Welche Faustregeln sind sinnvoll, welche utopisch oder dogmatisch?

Spätestens dann, wenn Übermüdung, Desinteresse an früheren Hobbys, abfallende Leistungen oder allgemeine Lustlosigkeit zu verzeichnen sind, sollten Eltern die Reißleine ziehen. Diese Verantwortung kann ihnen niemand abnehmen. Strikte Verbote sollten aber die Ausnahme bleiben; vorzuziehen sind allemal gemeinsam getroffene Vereinbarungen über den PC-Gebrauch und der Versuch, die Kinder zu einem eigenen Urteil über ihr Treiben zu bringen. Dafür lohnt es sich, auch mal eine Auseinandersetzung in Kauf nehmen.

Absprachen lassen sich übrigens umso leichter treffen, je früher man damit beginnt. Am besten bereits dann, wenn im Kinderzimmer noch gar kein Gerät steht. Wenn ein einmal eingefahrenes Nutzungsverhalten korrigiert werden soll, bekommt dies dem Haussegen sehr viel schlechter, als wenn man schon mit der Anschaffung ein Verfahren einführt, gemeinsam Spiele oder Web-Angebote anzusehen und sich darüber wie über die generelle Nutzung zu verständigen.
Was den Umgang mit virtuellen sozialen Netzwerken wie etwa dem SchülerVZ angeht, sollten Eltern mit ihrem Kind die Risiken besprechen und darauf bestehen, nur in Absprache mit ihnen Daten oder gar Fotos zu veröffentlichen und gegenüber niemandem, der ihm nicht persönlich bekannt ist, seine Adresse preiszugeben.

Nutzen 12Jährige den Computer hauptsächlich für Unterhaltung? Oder auch für die Schule?

Immer mehr werden Computer und Internet zu selbstverständlichen Arbeitsmitteln, auch für Unterricht und Hausaufgaben in den niedrigeren Klassen. Keinesfalls aber sollten sich Eltern mit Sprüchen wie „Don't bother me Mom – I’m learning“ abspeisen lassen. Oft sind die Grenzen fließend, und die Gefahr, sich ablenken zu lassen und an die virtuellen Welten zu verlieren, ist auch für die Größeren nicht zu unterschätzen.
Überhaupt sollten Eltern darauf achten, dass ein echtes Einlassen auf die Unterrichtsgegenstände nicht zu kurz kommt. Einzelne Themen sind zwar schnell ergoogelt, doch für das eigenständige Auseinandersetzen mit und Erobern von Bildungsinhalten gibt es keinen virtuellen Ersatz. Das Hüpfen von Link zu Link beschert allenfalls oberflächliches, flüchtiges Wissen und ist ebenso wie Multitasking oder der ständige Blick ins Postfach Gift für den letztlich auch vom Kind erwünschten Schulerfolg.
 

 Mit spätsommerlichem Gruß aus Münster: Ihr Lernserver-Team